Ein persönlicher Essay über moralische Belastung in sozialen Berufen
Dieser Essay entstand im Jahr 2022 – mitten in der Corona-Pandemie und während meiner Arbeit in der Eingliederungshilfe. Damals fehlten mir noch Begriffe wie moralische Belastung oder Moral Distress. Trotzdem beschreibt dieser Text den Ursprung vieler Fragen, die meine Arbeit heute prägen.
Ich habe ihn für diese Veröffentlichung sprachlich überarbeitet, seinen Kern jedoch bewusst erhalten.
Ich fühle Enttäuschung.
Es ist das Jahr 2022.
Ich fühle Enttäuschung. Und Wut.
Die Corona-Pandemie ist längst zu einem neuen Normal geworden. Doch sie allein ist es nicht, die mich beschäftigt. Da ist noch etwas anderes.
Frustration.
Ich liebe meinen Beruf. Mehr noch: Er ist für mich weit mehr als ein Beruf. Das, was ich tue, fällt mir in der Regel leicht. Es erfüllt mich. Ich gehe gerne zur Arbeit und tue gerne, was ich tue. Ich habe mich ganz bewusst für diesen Weg entschieden – und ich weiß, dass ich gut darin bin.
Auch wenn Eigenlob sprichwörtlich stinken mag: Ich glaube, ich könnte eine hervorragende Sozialarbeiterin sein.
Zumindest unter den richtigen Bedingungen.
Ich weiß, dass es an mir liegt, ob ich mein Potenzial nutze. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Denn Potenzial entfaltet sich nicht im luftleeren Raum. Es braucht Möglichkeiten. Es braucht Strukturen. Es braucht Menschen und Bedingungen, die erlauben, gute Arbeit tatsächlich zu leisten.
Während meines Studiums habe ich unzählige Bücher gelesen. Ich durfte von inspirierenden Dozentinnen und Dozenten lernen, mit Kommilitoninnen und Kommilitonen diskutieren, beraten und selbst beraten werden. Wir bekamen einen Werkzeugkasten an die Hand, der uns befähigen sollte, Menschen professionell zu begleiten.
Und dann kam die Realität:
Fachkräftemangel.
Personalmangel.
Corona.
FFP2-Masken über Stunden hinweg.
Mein Kopf fühlt sich schwer an. Manchmal ist es, als hätte mein Gehirn in den vergangenen zwei Jahren zu wenig Luft bekommen. Ich sehne mich danach, frei atmen zu können.
Ich vermisse meine Mimik.
Am meisten vermisse ich mein Lächeln.
Ein Lächeln, das ich meinem Gegenüber schenken kann. Denn manchmal braucht ein Mensch nichts dringender als genau das.
Ich bin enttäuscht.
Nicht nur von den Umständen. Sondern auch davon, wie wenig wir über diejenigen sprechen, die täglich Verantwortung für andere Menschen übernehmen.
Menschen in sozialen Berufen tragen ein erhöhtes Risiko, psychisch zu erkranken. Burn-out ist längst kein unbekannter Begriff mehr. Doch es gibt noch etwas anderes, über das aus meiner Sicht viel zu selten gesprochen wird.
Ich würde es heute vermutlich Abstumpfung nennen.
Über viele Jahre konnte ich beobachten, wie Kolleginnen und Kollegen, die ihren Beruf einst mit ihrem Herzen gewählt hatten, sich veränderten. Schritt für Schritt.
Aus Begeisterung wurde Routine.
Aus Aufmerksamkeit wurde Abarbeiten.
Aus Mitgefühl wurde Distanz.
Manche resignierten. Andere wirkten erschöpft. Wieder andere begegneten den Menschen, die sie begleiten sollten, mit einer Gedankenlosigkeit, die mich erschreckte.
Dabei glaube ich nicht, dass diese Menschen ihren Beruf falsch gewählt hatten.
Im Gegenteil.
Ich glaube, viele von ihnen waren einmal genau deshalb gut in ihrem Beruf, weil sie Menschen wirklich sehen konnten.
Doch niemand kann dauerhaft geben, ohne selbst getragen zu werden.
Heute denke ich, dass Abstumpfung häufig kein Charakterfehler ist.
Sie ist ein Überlebensmechanismus.
Ich möchte nicht abstumpfen
Damals stand ich an einem Punkt, an dem ich mich fragte, welchen Weg ich selbst gehen würde.
Ich wollte weder ausbrennen.
Noch wollte ich abstumpfen.
Ich wollte die Fähigkeit behalten, Menschen wirklich zu begegnen.
Vielleicht war ich bis dahin gerade deshalb gut in meinem Beruf, weil mir dieser Balanceakt zwischen Nähe und Distanz gelungen war. Weil ich mich berühren lassen konnte, ohne mich selbst zu verlieren.
Rückblickend glaube ich, dass mein Studium mir dabei weit mehr gegeben hat als fachliches Wissen.
Es war ein Ort der Reflexion.
Ein Ort, an dem schwierige Erfahrungen ausgesprochen werden durften.
Ein Ort, an dem wir gemeinsam nach Antworten suchten.
Heute würde ich sagen: Es war ein Ort der Psychohygiene.
Vielleicht war der Studienkredit, deshalb nicht nur eine Investition in meine Bildung.
Vielleicht war er auch eine Investition in meine psychische Gesundheit.
Was mir nach dem Studium fehlte, war nicht Wissen.
Mir fehlte genau dieser Raum.
Ein Raum, in dem Menschen innehalten dürfen.
Ein Raum, in dem Fragen wichtiger sind als Funktionieren.
Ein Raum, in dem diejenigen begleitet werden, die selbst täglich andere begleiten.
Warum mich das enttäuscht
Meine Enttäuschung richtet sich deshalb nicht gegen einzelne Kolleginnen oder Kollegen.
Sie richtet sich gegen ein System, das erwartet, dass Menschen dauerhaft Höchstleistungen erbringen, ohne ihnen ausreichend Möglichkeiten zur Reflexion, Erholung und Prävention zu geben.
Ich bin enttäuscht von meinen damaligen Vorgesetzten.
Von den Menschen, die über ihnen Entscheidungen trafen.
Von den Verantwortlichen unseres Sozialstaates.
Denn trotz der enormen Belastungen der vergangenen Jahre schien kaum jemand die Frage zu stellen:
Wie sorgen wir eigentlich für diejenigen, die jeden Tag für andere sorgen?
Aus meiner Sicht müsste Prävention kein Bonus sein.
Sie müsste selbstverständlich sein.
Nicht erst dann, wenn Menschen krank geworden sind.
Sondern lange vorher.
Denn soziale Arbeit verlangt viel.
Wir hören zu.
Wir begleiten.
Wir trösten.
Wir beraten.
Wir halten Krisen aus.
Manchmal erleben wir Gewalt.
Manchmal begleiten wir Menschen bis an ihr Lebensende.
Und manchmal tragen wir Geschichten mit nach Hause, die uns noch lange beschäftigen.
Wer Verantwortung für andere Menschen übernimmt, braucht deshalb selbst Orte, an denen Verantwortung geteilt werden kann.
Wir sind keine Schachfiguren.
Wir begleiten Krisen.
Wir hören weiter zu.
Wir beraten weiter.
Wir unterstützen weiter.
Manchmal werden wir angeschrien.
Manchmal beleidigt.
Manchmal sogar körperlich angegriffen.
Und manchmal sind wir bei einem letzten Atemzug ganz nah mit dabei.
All das hinterlässt Spuren.
Das liegt nicht daran, dass wir unseren Beruf nicht beherrschen.
Viel mehr daran, dass wir einfach Menschen sind.
Gerade deshalb braucht unser Beruf mehr als Fachwissen.
Er braucht Räume der Reflexion.
Er braucht Supervision.
Er braucht Zeit zum Innehalten.
Und ja, auch, und ganz besonders, Räume zum Philosophieren.
Und er braucht Prävention als festen Bestandteil professioneller sozialer Arbeit.
Aus meiner Sicht ist genau das keine Frage von Luxus.
Es ist eine Frage von Verantwortung.
Gegenüber Fachkräften.
Gegenüber den Menschen, die wir begleiten.
Die vergessene Lehre der Pandemie
Während der Corona-Pandemie wurde viel darüber gesprochen, welche Berufsgruppen systemrelevant sind.
Doch ich frage mich bis heute:
Welche Konsequenzen haben wir daraus gezogen?
Ich hatte gehofft, dass diese Krise uns dazu zwingt, unsere sozialen Systeme neu zu denken.
Dass wir erkennen würden, wo Strukturen Menschen krank machen.
Dass wir uns fragen würden, wie gute soziale Arbeit unter den gegebenen Bedingungen überhaupt gelingen kann.
Diese Hoffnung hat sich für mich nicht erfüllt.
Besonders deutlich wurde das für mich in der Behindertenhilfe.
Noch immer habe ich vor Augen, wie schnell Menschen mit Behinderungen vor allem als besonders schutzbedürftig wahrgenommen wurden.
Ihre Selbstbestimmung geriet dabei häufig in den Hintergrund.
Nicht ihre Rechte standen im Mittelpunkt.
Sondern Fürsorge.
Natürlich war Schutz wichtig.
Doch Schutz darf Selbstbestimmung nicht ersetzen.
Gerade die UN-Behindertenrechtskonvention erinnert uns daran, dass Menschen mit Behinderungen nicht in erster Linie Empfänger von Fürsorge sind.
Sie sind Träger eigener Rechte.
Sie entscheiden über ihr Leben.
Sie haben Anspruch auf Unterstützung, die ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht.
Zumindest sollten sie das.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Genau hier begann damals meine Wut.
Der Arbeitsalltag stand in einem moralischen Konflikt zu meinen Überzeugungen:
Weg von der Fürsorge.
Hin zu Teilhabe.
Weg vom Objekt der Hilfe.
Hin zum Subjekt eigener Rechte.
Der Gesetzgeber hat diesen Paradigmenwechsel anerkannt.
Zumindest auf dem Papier.
Doch Gesetze allein verändern noch keine Wirklichkeit.
Denn zwischen einem guten Gesetz und einem guten Alltag liegt etwas Entscheidendes:
Der Rahmen.
Und genau dieser Rahmen fehlte.
Immer wieder ging ich nach einem Dienst nach Hause und dachte:
Heute konnte ich den Menschen nicht so begleiten, wie ich es für richtig gehalten hätte.
So wie ich es gelernt habe.
Mir fehlte Zeit,
ein:en Kolleg:in an der Seite
oder andere Strukturen ließen es schlicht nicht zu.
Das war belastend.
Aber noch schwerer wog ein anderer Gedanke.
Ich hatte das Gefühl, die Menschen zu enttäuschen, für die dieses System eigentlich geschaffen wurde.
Das machte mich wütend.
Nicht auf einzelne Kolleginnen und Kollegen.
Nicht auf einzelne Einrichtungen.
Sondern auf ein System, das hohe Ansprüche formuliert, ohne die Voraussetzungen dafür bereitzustellen.
Was nützt ein gutes Gesetz, wenn der Rahmen fehlt?
Ich habe nie daran gezweifelt, dass die Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention richtig sind.
Menschen mit Behinderungen sind keine Objekte von Fürsorge.
Sie sind Rechtsträgerinnen und Rechtsträger.
Sie haben Anspruch auf Selbstbestimmung, auf Teilhabe und auf Unterstützung, die ihnen ermöglicht, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten.
Genau dafür erhalten Einrichtungen finanzielle Mittel.
Genau dafür arbeiten Fachkräfte.
Zumindest ist das die Idee.
Doch zwischen dieser Idee und dem Alltag klafft eine Lücke.
Eine Lücke, die ich jeden Tag gespürt habe.
Die verschiedenen Unterstützungsbedarfe der Menschen, die ich begleiten durfte, waren individuell. Zu Recht. Personenzentrierung bedeutet schließlich, den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.
Doch genau das konnte ich häufig nicht leisten.
Nicht, weil ich nicht wusste, wie.
Nicht, weil ich nicht wollte.
Sondern weil die Rahmenbedingungen es kaum zuließen.
Es gab Tage, an denen ich nach Hause ging und dachte:
Heute konnte ich meinem eigenen Anspruch nicht gerecht werden.
Dieser Gedanke war schwer auszuhalten.
Aber noch schwerer war ein anderer.
Ich hatte das Gefühl, dass nicht nur ich scheiterte.
Sondern dass das System den Menschen nicht gerecht wurde, denen es eigentlich dienen sollte.
Das eigentliche Problem
Mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Einrichtungen führte ich ähnliche Gespräche.
Die Namen der Träger wechselten.
Die Orte wechselten.
Die Geschichten ähnelten sich.
Überall hörte ich dieselben Spannungen.
Zu wenig Zeit.
Zu wenig Personal.
Zu viele Anforderungen.
Zu wenig Raum für das, worum es eigentlich gehen sollte.
Es entstand ein Widerspruch.
Auf der einen Seite formulieren wir hohe ethische Ansprüche.
Auf der anderen Seite schaffen wir Bedingungen, unter denen diese Ansprüche kaum gelebt werden können.
Mich machte das wütend.
Denn ich war überzeugt – und bin es bis heute –, dass diese Situation veränderbar ist.
Das Rad muss nicht neu erfunden werden.
Vielleicht war das damals der frustrierendste Gedanke.
Wir haben Lösungen.
Es gibt Ideen, Ansätze, tolle Beispiele.
Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Praktikerinnen und Praktiker sowie Organisationen mit der Frage, wie gute soziale Arbeit gelingen kann.
Es gibt Forschung.
Es gibt Modelle.
Es gibt Erfahrungswissen.
Es gibt unzählige Bücher.
Es gibt Menschen, die neue Wege längst erprobt haben.
Das Wissen ist da.
Wir müssen es nicht erst erfinden.
Wir müssen den Mut haben, es ernst zu nehmen.
Dieser Gedanke erinnert mich bis heute an die Klimakrise.
Auch dort wurden viele Probleme lange beschrieben.
Viele Lösungen lagen auf dem Tisch.
Und trotzdem geschah oft erstaunlich wenig.
Es war nicht so, das niemand wusste, was man tun könnte.
Zwischen Wissen und Handeln kann eine erstaunlich große Distanz liegen.
Vielleicht ist genau diese Distanz eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.
Ein Mangel an Umsetzung.
Wieso ich noch hier bin
Damals schrieb ich diesen Essay aus Frustration.
Um ein Ventil zu haben.
Um für etwas Worte zu finden wofür ich noch keine hatte.
Es war auch rückblickend auch der Anfang von etwas neuem.
Ich erkenne meine Sehnsucht nach guter Arbeit.
Ich wollte nie Heldin sein.
Ich wollte einfach meinen Beruf gut machen.
Und Freude haben.
Ich wollte Menschen so begleiten, wie ich es gelernt hatte.
Mit Zeit.
Mit Aufmerksamkeit.
Mit Würde.
Und ich wollte abends nach Hause gehen können mit dem Gefühl:
Heute war ich der Mensch, der ich in meinem Beruf sein möchte.
Heute habe ich mein bestes gegeben.
Diese Sehnsucht war der Anfang meiner heutigen Arbeit.
Damals wusste ich noch nicht, dass ich drei Jahre später in Zagreb auf einer internationalen Konferenz der Philosophischen Praxis über moralische Belastungen in der Eingliederungshilfe sprach. Ich wusste nur eines:
So, wie wir arbeiten, verlieren wir auf Dauer nicht nur gute Fachkräfte.
Wir verlieren auch einen Teil unserer Menschlichkeit.
Und ich möchte kein Teil davon sein.
Es war gut, dass es mich stresste.
Ich bin stolz auf mich, dass ich Worte fand.
Es macht mich traurig, dass ich meine Arbeit nicht gut damals beenden konnte.
Ich bin froh, dass ich mir heute einen Rahmen geschaffen habe, in dem ich mein Gegenüber bestmöglich begleiten kann.
In diesem Sinne: Was bleibst zu sagen?
Steh’ auf und sei’ laut. 🙂
Eine Frage zum Mitnehmen
Welche Bedingungen brauchst du, um der Mensch sein zu können, der du in deinem Beruf sein möchtest?
Dieser Text entstand 2022 – mitten in der Corona-Pandemie. Damals habe ich ihn auch als erste Folge meines Podcasts DenkNotizen eingesprochen. Wenn du ihn lieber hören möchtest oder meine damaligen Gedanken im Original erleben möchtest, findest du die Folge hier.

